Leseprobe Abschied

ISBN 978-3740766610

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1.Kapitel

Mein Abenteuer in Polen lag Wochen zurück. Die Zeit danach war wohl meine glücklichste. Vor allem, da es Dad nach Jahren voller Trauer endlich gelang mit Moms Tod abzuschließen. Nachdem er Marie kennenlernte und erfuhr wie viel Gutes Moms Herz bewirkte, konnte er auf seine ganz eigene Art Frieden damit schließen. Und Chris und ich? Nun, ich hielt mich vorerst zähneknirschend an mein Versprechen. Mischte mich nicht mehr in seine Fälle ein. Den einzigen Kontakt den ich nach wie vor zum Polizeipräsidium pflegte, waren die wenigen Stunden in denen ich an meiner Fähigkeit mich selbst zu verteidigen feilte. Mittlerweile neigte sich das zwölfte Schuljahr dem Ende zu und ich stand kurz vorm Abitur. Nun hieß es Abschied nehmen, von der alten Schule und dem gewohnten Trott. Eigenartig. In der Unterstufe konnte ich es kaum erwarten der Schule den Rücken zu kehren. Doch nun da der Tag kurz bevorstand begriff ich, dass ich auch von engen Freunden Abschied nehmen musste. Einige von ihnen strebten ein Studium im Ausland an und ich würde sie nicht sobald wiedersehen. Natürlich bewarb auch ich mich pflichtbewusst um einen Studienplatz an der Wirtschafts-Universität. Doch der Gedanke ein komplett neues Kapitel im Buch des Lebens aufzuschlagen fühlte sich ungewohnt und fremd an. Während des nun laufenden Abiturs dachte ich oft an Sarah und besuchte sie regelmäßig am Friedhof. Erzählte ihr von den Prüfungen und wie sehr sie mir gerade fehlte. Auch wenn ihr Tod nun beinahe zwei Jahre zurück lag. Der Gedanke, dass sie den Abschluss nicht mit mir feiern würde, schmerzte. Denn auch wenn ich in Hanna eine neue beste Freundin fand, so war doch ein großer Teil meines Herzens nach wie vor für Sarah reserviert. Beim Frühstück wünschte Chris mir für heute viel Glück, denn die letzte schriftliche Prüfung in Mathematik stand an. Schon einen Monat zuvor bildeten Hanna, Melanie, Mark, Saskia und ich eine Arbeitsgruppe. Ich hatte mich bereit erklärt sie beim Üben zu unterstützen. Bei Hanna, Saskia und Mark trat bald eine gewaltige Verbesserung ein, nur Melanie bereitete mir zunehmend Sorgen. Es war ja nicht so, dass sie nicht in der Lage war komplexe Aufgaben zu lösen. Bei ihr lag das Problem woanders. Sie benötigte eine genaue Erklärung um zu erkennen, welche Fragestellung sich hinter dem Text verbarg. An der Aufgabe ihr das nahe zu bringen, scheiterte ich jämmerlich. Melanie verzweifelte zunehmend und so versprach ich ihr bei der Prüfung beizustehen. Wir diskutierten etliche Szenarien, denn die heutige Technik bot so einiges an Möglichkeiten. Kugelschreiber mit integrierter Minikamera oder Ohrstöpsel mit denen ich ihr die Aufgaben erklären könnte. „Schummeln mit Zetteln, das war gestern!“, klönte Mark großkotzig. „Wenn schon, dann solltet ihr auf die neuesten Hilfsmittel setzen.“ Ich stand kurz davor mir all diese Dinge zu besorgen, als ich mich an etwas erinnerte das Chris mal zu mir sagte: „In heiklen Situationen ist es das Klügste völlig unerwartet zu agieren.“ Hm? Unerwartet? Ja, richtig! Keiner der Professoren würde erwarten, dass heutzutage noch auf die althergebrachte Weise geschummelt würde. Nein, von meiner technikverliebten Generation erwartete man den Einsatz der neuesten Innovationen. Na, wenn das nur gut gehen würde. Daher war ich am Morgen auch ungewohnt gestresst und brachte keinen Bissen hinunter. „Ist etwas, Liebes?“, fragte Chris besorgt, als ich meinen Kuchen nach mehrmaligem Wenden lustlos am Teller deponierte. „Nein, nichts! Ich bin nur spät dran. Bis am Abend dann! Wir treffen uns nach dem Training im Präsidium.“, wich ich geschickt aus und drückte ihm im Vorbeigehen noch schnell einen Kuss auf die Wange. Wie hätte ich dem ehrlichsten Menschen der Erde auch gestehen sollen, dass ich drauf und dran war Melanie beim Schummeln zu helfen. Plagte mich doch ohnehin mein Gewissen, denn es fühlte sich nicht ganz richtig an. Trotzdem war es in meinen Augen kein Betrug. Vielmehr so etwas wie eine Art Starthilfe. Doch Dad und vor allem Chris würden es komplett anders sehen und mir dringend davon abraten. Schon deshalb da Professor Winter meine eigene Arbeit mit null Punkten bewerten würde, sollte er mich dabei ertappen. Doch ich beglich damit auch eine alte Schuld. Denn als ich damals auf Melanies Hilfe angewiesen war um unterzutauchen, half sie mir auch ohne an die Konsequenzen zu denken.

Die Glocke kündigte die Stunde an. Doch noch standen wir wie eine Herde aufgescheuchter Hühner vor dem verschlossenen Prüfungssaal. Professor Winter unser „Wini“ würde zuerst alle Gegenstände die wir mitführen durften genau kontrollieren und uns danach die Plätze zuweisen. Melanie verfiel zusehends, war mittlerweile nur mehr ein einziges Häufchen Elend. „Das schaffe ich nie!“, schluchzte sie trocken. „Ich werde wohl die Einzige sein, die durch die verdammte Prüfung rasselt.“ „Mach dich nicht verrückt!“, beruhigte ich sie. „Zuerst versuchst du es alleine. Doch wenn es nicht funktioniert, helfe ich dir wie besprochen.“ Von Chris lernte ich viel. Vor allem, dass es ratsam war stets einen gut durchdachten Plan zu haben. Aus diesem Grund steckte auch ein zusammengefaltetes Blatt Papier in meinem aufreizend roten Tanga. Es gab zwar strenge Kontrollen, Leibesvisitationen waren jedoch ausdrücklich verboten. Das leere Blatt war für meinen Plan immens wichtig. Im Prüfungssaal selbst erhielt jeder Schüler nur die Angabenblätter und fünf gestempelte Blätter für die Lösungen. Beim Abgeben würde Wini sie akribisch auf ihre Vollständigkeit überprüfen. Es war also unerlässlich etwas mitzuführen auf dem ich Ansatz und Ergebnis notieren konnte. „Du hilfst mir wirklich?“, fragte Melanie leichenblass. „Obwohl du selber durch die Prüfung rasselst, wenn „Wini“ es bemerkt?“ „Keine Angst, ich halte mein Versprechen. Aber vergiss nicht, dich genau an den Plan zu halten. Den 1.Teil musst du irgendwie alleine schaffen, doch den 2.Teil erhältst du notfalls von mir. Verlier nur nicht die Nerven, denn es wird etwas Zeit in Anspruch nehmen bis ich mit allen Beispielen fertig bin. Alles klar?“ „Danke!“, hauchte sie leise, denn Professor Winter und eine weitere Aufsichtsperson kamen voll bepackt den Gang entlang. Nur Lineal, Stifte, Zirkel und Taschenrechner durften mit ins Klassenzimmer, alles andere musste draußen bleiben. Die Rechner landeten vorerst am Lehrerpult, der theoretische Teil der Arbeit erlaubte keine Hilfsmittel. Nachdem wir die uns zugeteilten Plätze einnahmen, verteilte „Wini“ die Aufgabenblätter und die Prüfung begann. Kaum eine Viertelstunde später hustete Melanie erbärmlich. Ich senkte den Kopf. Gab ihr damit zu verstehen, dass ich verstanden hatte. Nach 20 Minuten beendete ich den 1.Teil. Kontrollierte alles auf seine Richtigkeit und gab ab. Beim 2.Teil wählte ich wie besprochen gleich den 1.Vorschlag und kehrte mit Taschenrechner bewaffnet auf meinen Platz zurück. Nach knapp vierzig Minuten beendete ich meine Arbeit, neuer persönlicher Rekord. Nun begann die heikle Phase. Ich hustete ebenfalls und Melanie gab ihrem Stift einen Stoß. Er rollte gemächlich vom Tisch und landete am Boden. Augenblicklich war „Wini“ alarmiert und eilte zu ihr. „Entschuldigung!“, sagte sie, bückte sich und hob ihn auf. Wie alle anderen drehte ich mich scheinbar neugierig um und beförderte dabei vorsichtig das Blatt aus meinem Tanga. „Bitte meine Herrschaften! Arbeiten sie ruhig und konzentriert weiter. Da gibt es wirklich nichts zu sehen!“, stöhnte Professor Winter entnervt. So schnell ich konnte notierte ich Ansatz und Ergebnisse und versenkte das Blatt erneut im Höschen. „Wini“ saß kaum am Lehrerpult, da hob ich meine Hand. „Darf ich bitte auf die Toilette?“, fragte ich ungeduldig zappelnd. Professor Winter stöhnte laut. „Gut, wenn es unbedingt sein muss.“, sagte er. „Aber Frau Möllerl wird sie begleiten.“ Ja, die gute Frau Möllerl! Bei meinem Plan war sie die große Unbekannte, das „X“ in meiner Gleichung. Würde ich sie täuschen können oder würde sie meinen Plan vereiteln? Doch alles lief viel besser als erhofft. Während ich hinter verschlossener Tür hastig den Zettel hinter dem Spülkasten verstaute, stand sie vorm Spiegel. Richtete ihre strenge Hochsteckfrisur und trällerte dabei leise vor sich hin. Ich drückte die Spülung. Wusch mir die Hände und Frau Möllerl eskortierte mich in den Saal zurück. Dort wandte ich mich erneut der Arbeit zu. Zehn Minuten später bat auch Melanie aufs WC gehen zu dürfen. Nachdem sie zurückkam stand ich auf und lenkte so die Aufmerksamkeit auf mich. „Was gibt es denn jetzt schon wieder Frau Jefferson?“, stöhnte Professor Winter gequält. „Ich bin fertig. Darf ich abgeben?“ Als er nickte, packte ich die Unterlagen und deponierte sie vor ihm am Lehrerpult. „Alles in Ordnung! Sie dürfen gehen!“, sagte er nach sorgfältiger Kontrolle. Nun saß ich vor der Tür. Verstaute die Stifte und stellte mich auf eine lange Wartezeit ein, denn die Prüfung war für 5 Stunden anberaumt.

Um 13:00 Uhr war es dann soweit. Die letzten Prüflinge verließen gemeinsam mit Professor Winter das Klassenzimmer. Melanie setzte sich neben mich und drückte mir das verräterische Blatt Papier in die Hand. „Danke!“, sagte sie leise. „Ohne dich hätte ich es nie geschafft.“ Ich war unglaublich erleichtert. Zerriss es auf der Stelle in 1000 Teile und versenkte die Schnipsel im Schulrucksack. Nach einer Pause kehrten wir geschlossen in die Klasse zurück. Es galt die letzten Details für unseren Abi-Ball zu klären, der in 3 Wochen stattfinden würde. Ich war mit meinen Gedanken ganz woanders und Marks Worte zogen irgendwie ungehört an mir vorbei. Erst als Hanna fragte: „Kommst du? Oder willst du hier übernachten?“, bemerkte ich, dass die Besprechung längst beendet war. „Komm ja schon!“, murrte ich. „Und dein Vater? Hat er nun endlich zugestimmt?“, hakte sie, während wir zwei Treppen auf einmal nahmen, nach. „Hat er!“, grinste ich. Ja, wie nicht anders zu erwarten hielt Dad das Ziel der Abi-Reise für ein junges und noch dazu blondes Mädchen für viel zu gefährlich. Nun, streng genommen benötigte ich seine Zustimmung auch gar nicht mehr. Schließlich war ich mittlerweile achtzehn und somit volljährig. Doch mir lag viel daran mit seinem Segen aufzubrechen. Und da er damals gegen Jonas’s Abi-Reise ins wilde Südafrika auch nichts einzuwenden hatte, stimmte er schlussendlich zu. Selbst Chris, der mich sonst stets in allen Belangen unterstützte, meldete leise Bedenken an. „Ich bitte dich Chris! Was bitteschön soll mir passieren? Wir wohnen in einem exklusiven Club und haben nicht vor Land und Leute zu erkunden. Alles was wir wollen ist ein wenig Spaß haben und abfeiern.“, schmetterte ich seinen Einwand leichtfertig ab. Na gut, zugegeben. Das war mal wieder nicht die ganze Wahrheit, sondern die offizielle und geschönte Version. Hätte auch nur einer von ihnen ein Foto von dem „Hotel“ gesehen, hätten sie wohl Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt um mich von der Reise abzuhalten. Ehrlich gesagt, als die Klasse beschloss in die Türkei zu reisen, war auch ich nicht sonderlich erbaut. Wäre lieber an einen etwas exklusiveren Ort gereist. Aber mehr gab die Klassenkasse nun mal nicht her. Anfangs spielte ich mit dem Gedanken sie kräftig aufzustocken. Doch einmal zu oft rümpfte in den vergangenen Jahren ein Mitschüler die Nase, so als wollte ich mit meinem Geld nur prahlen. Also unterließ ich es. Und schlussendlich war es auch nicht so wichtig wo, sondern nur dass wir noch ein paar unvergessliche Tage miteinander erleben würden. Zu Beginn des Schuljahres planten wir ja wirklich den Urlaub in einem erstklassigen Club am Mittelmeer zu verbringen, denn die Klassenkasse war gut gefüllt. Doch da es Tradition an unserem Gymnasium war neben dem Direktor auch alle Professoren zum Abschlussball einzuladen, mussten wir ihn gezwungenermaßen mit der verhassten Nebenklasse ausrichten. Eine Sache die uns allen sauer aufstieß. Denn ursprünglich sollte unser Abi-Ball ein eher bescheidenes Fest werden. Doch durch die Sonderwünsche der Parallelklasse entwickelte er sich zu einem bombastischen Event. Und nein, keine der kostspieligen Ideen die ein kleines Vermögen verschlangen stammte von uns. Allein für die Saalmiete in diesem „Schickimicki Club“ hätten wir problemlos 4 Tage in einem Luxusressort verbringen können. Doch da die Nebenklasse drei Schüler mehr besaß, verfügte sie über die Stimmenmehrheit der wir uns zähneknirschend beugen mussten. Das für die Abi-Reise vorgesehene Budget verkleinerte sich dadurch zusehends, denn zu allem Überfluss war ihre Klassenkasse so gut wie leer. Vor 2 Monaten, als die Kosten für den Ball endgültig den Rahmen sprengten, berief Mark eine interne Krisensitzung ein. „Entweder wir feiern den Abi-Ball wie geplant und sparen bei der Reise ein, oder wir müssen das komplette Konzept nochmals überarbeiten. Denn beides Leute geht nicht.“, erklärte er uns unverblümt die Lage. Wir berieten, diskutierten und entschieden einstimmig beim Urlaub zu sparen. Daraufhin durchstöberten Mark und Steffen tagelang intensiv das Internet. Fanden nach langer Recherche ein kleines privat geführtes Hotel, abseits der glamourösen Touristenburgen. Bereits bei den ersten Bildern, die Mark mir am Handy zeigte, schluckte ich kräftig, verbiss mir aber jeden Kommentar. Der Vorwurf, ich wäre eine verwöhnte „High Society Tussi“, wäre mir sonst vermutlich kaum erspart geblieben. Na gut. Die Jungs mit der Suche nach einem bezahlbaren Hotel zu beauftragen war vielleicht nicht die beste Idee. Doch Marks Argument, dass wir die Zimmer ohnehin nur zum Schlafen benützen würden, überzeugte letztendlich auch uns Mädchen und so beauftragten wir ihn mit der Buchung. Und so blieb mir nur noch die Hoffnung, dass dort genügend Alkohol vorrätig war, was die bescheidene Unterkunft einigermaßen erträglich machen würde. Da es kein Pauschalangebot gab, buchte Mark nur Hotel und Bus. Die Anreise würden wir mit einem teureren Linienflug bestreiten. Doch der günstige „All in Preis“ der Anlage machte diesen Nachteil mehr als wett. Dadurch ergab sich für Hanna und mich ein unerwarteter Vorteil. Meine gesammelten Flugmeilen reichten für ein Update der Flüge auf die 1. Klasse, was Dad zusätzlich beruhigte. Nähere Einzelheiten behielt ich allerdings lieber für mich, denn Dads „Fürsorge“ war manchmal etwas anstrengend. Nur Jonas erfuhr unter dem Siegel der Verschwiegenheit ein paar Details. Schließlich musste zumindest einer in der Familie meinen genauen Aufenthaltsort kennen. Und Jonas sah die Sache, im Gegensatz zu Dad und Chris, genauso entspannt wie ich. „Übrigens!“, sagte Hanna ganz nebenbei, während wir im Laufschritt die Schule verließen. „Ich habe mich von Alex getrennt.“ „Du hast was?“, fragte ich geschockt und blieb mitten auf der Straße stehen. „Ich habe Schluss gemacht!“, erwiderte sie leichthin. „Aber ich dachte, du sagtest doch, Alex wäre deine große Liebe.“, stotterte ich. „Ja!“, sagte sie und schnitt eine ihrer Grimassen. „Das habe ich anfangs auch gedacht. Doch in den vergangenen Wochen habe ich festgestellt, dass uns ganze Universen trennen. In gewisser Weise stimme ich dir jetzt zu, Jungs in unserem Alter sind einfach zu unreif. Ich habe einfach keine Lust mehr die Wochenenden entweder mit Videospielen oder „schnellem Einparken“ zu vergeuden. Alex ist mir ehrlich gesagt viel zu oberflächlich!“ „Aha!“, sagte ich erstaunt. „Und wie hat er es aufgefasst?“ „Total easy!“, sagte sie salopp. „Ich denke, er war geradezu erleichtert ab sofort wieder mit seinen Freunden beim Fußball abhängen zu können.“ „Hm!“, sagte ich misstrauisch. „Und es macht dir gar nichts aus? Ich meine, du sagst das jetzt nicht nur so und bist in Wahrheit total unglücklich?“ „Nein! Ganz bestimmt nicht!“, schmetterte sie meine Bedenken ab. „Alles gut! Man muss scheinbar viele Frösche küssen, ehe man seinen Prinzen findet. Und Alex war es definitiv nicht. Aber bevor du dir jetzt unnötig Sorgen machst, wir bleiben auch weiterhin befreundet. Und jetzt lass uns das Thema wechseln.“ „Okay, wie du meinst! Soll ich dich bringen?“, fragte ich, denn mittlerweile erreichten wir den Parkplatz. „Nee, lass mal! Meine Mutter hat versprochen mich abzuholen. Wir fahren nach Frankfurt, mein Kleid für die Abschlussfeier ist fertig.“ „Na gut! Dann bis morgen!“, rief ich gutgelaunt, bestieg den BMW und gab Gas. Während der Fahrt nach Hause machte ich mir so meine Gedanken. Für mich war es einfach unvorstellbar, mich von meiner großen Liebe zu trennen. Doch Alex war ja nicht Chris. Und in einer Sache stimmte ich mit Hanna überein, Alexander war ein ziemliches „Kind“. Ich erreichte das Einfahrtstor und wartete ungeduldig bis es aufschwang. Ach ja. Schon vor Monaten verzog sich der Wachdienst wieder in den Keller. Und obwohl sich Dad nicht dazu durchringen konnte gänzlich auf eine Security zu verzichten, verflüchtigte sich das Gefühl überwacht zu werden. Ja, in den vergangenen Wochen kehrte so etwas wie Ruhe in mein Leben ein. Zum Teil lag es an der Therapie bei Doktor Maier. Sie half mir dabei meine einsame Kindheit zu verarbeiten und zu erkennen, wie sehr Moms Tod Dads Handeln beeinflusste. Das alles ließ uns näher zusammenrücken. Aber auch Dad und Jonas führten intensive Gespräche. Und obwohl ich schon lange nicht mehr daran geglaubt hatte, gelang es ihm tatsächlich Jonas von dem Druck zu befreien, der seit Ewigkeiten auf ihm lastete. Nun, da endlich das dumme „Summa cum Laude“ vom Tisch war, studierte er mit echter Freude und Hingabe. Schien wie Dad dazu berufen ein außergewöhnlicher Arzt zu werden. Und erstaunlicherweise legte er auch weiterhin alle Prüfungen mit „sehr gut“ ab. Doch dass ich mich zum ersten Mal so richtig glücklich fühlte war Chris’s Verdienst. Es war seine bedingungslose Liebe die mir half das Gefühl der Einsamkeit endgültig hinter mir zu lassen.

Ich parkte schlampig vor der Garage und fegte übermütig die Einfahrt hoch. Stürmte ins Haus wo Maria mich ungeduldig empfing. „Na endlich Cathy! Dein Vater wartet schon auf dich.“, rief sie mir, kaum eingetreten, vorwurfsvoll entgegen. Ja, auch das änderte sich. Dad nahm sich mehr Zeit für die Familie und erschien regelmäßig zum Mittagessen. „Ich komme ja schon!“, erwiderte ich, schoss hastig die Sneakers von den Füßen und flitzte ins Esszimmer.

Die Zeit vor den letzten Prüfungen war anstrengend. Das ständige Sitzen beim Lernen nervte und machte mich extrem zappelig. Um meinen akuten Bewegungsmangel auszugleichen beschloss ich am Training im Polizeirevier teilzunehmen. „Ich werde nicht kommen können.“, warnte Chris mich schon gestern vor. „Ich habe ein langes Meeting, aber ich hole dich später ab.“ „Kein Problem!“, erklärte ich großzügig.

Bei meinem Eintreffen im Präsidium traf ich beim Lift auf Monika. Sie trat im November des Vorjahres ihren Dienst bei der Bereitschaftspolizei an und ich lernte sie bei der letzten Weihnachtsfeier kennen. Ich mochte sie auf Anhieb. Sie besaß ein fröhliches und umgängliches Wesen und war für jeden Spaß zu haben. Heute allerdings war davon nicht viel zu bemerken. Sie wirkte verschlossen, in sich gekehrt und ihr sonst so spitzbübisches Lächeln war erloschen. „Hallo Monika!“, grüßte ich freundlich. „Schön dich zu treffen. Besuchst du auch das Training? „Hallo!“, erwiderte sie knapp und senkte ihre Augen unsicher zu Boden. „Schwerer Tag?“ Sie seufzte abgrundtief. „Nein, eigentlich nicht. Es ist nur, ach vergiss es.“ „Na sag schon, was ist los mit dir?“, hakte ich hellhörig geworden nach. „Es ist nur wegen Tenner.“, raunte sie mir zu. „Er nervt und hat gehörig einen auf der Klatsche.“ Ich wollte gerade genauer nachfragen, als sich die Lifttür im Untergeschoß öffnete und Monika eilig die Umkleidekabine aufsuchte. „Wenn sie nicht darüber reden will, dann eben nicht.“, dachte ich und zog mich um.

Schon das Aufwärmtraining brachte mich gewaltig ins Schwitzen. Nach den unzähligen Stunden am Schreibtisch, mangelte es mir sichtlich an Kondition. Dann begann das „Mann gegen Mann“ Training. Wie dabei üblich wechselten wir ständig den Partner und plötzlich stand dieser Tenner vor mir auf der Matte. Eric gab das Kommando zum Angriff. Ehe ich reagieren konnte, packte er grob zu. Umklammerte meinen Oberarm und knallte mich, härter als beim Training üblich, bäuchlings auf die Matte. Ich berührte kaum den Boden da riss er meinen Arm nach hinten. Drückte sein Knie auf meinen Rücken, beugte sich über mich und flüsterte mir ins Ohr:„Du stehst doch sicher auf die harte Tour? Oder, mein Täubchen?“ Mein Rücken und der Arm schmerzten und ich rang nach Luft. Ich klopfte auf die Matte. Das Zeichen, dass ich mich geschlagen gab. Doch Tenner reagierte nicht. „Verkneif dir deine blöden Sprüche und lass mich endlich los. Ich habe aufgegeben!“, schrie ich aufgebracht und augenblicklich stand Eric neben uns. „Wie oft Tenner, wie oft soll ich es noch sagen!“, brüllte er und zerrte ihn von mir herunter. „Wenn jemand auf die Matte klopft, lässt du sofort los. Und abgesehen davon, spar dir die unnötige Härte. Das hier ist ein Training und kein Kampf auf Leben und Tod.“ Alles okay Cathy?“, fragte er und reichte mir die Hand um mich hochzuziehen. „Ja, geht schon! Danke!“ „Wer zimperlich ist, ist in diesem Beruf völlig fehl am Platz. Schließlich treffen wir uns hier nicht zum Kaffeekränzchen sondern zum Einsatztraining.“, sagte Tenner verächtlich. „Das Training ist für dich beendet.“, maßregelte Eric ihn scharf. „Ich wiederhole mich ungern und habe nicht vor dein aggressives Verhalten noch länger zu tolerieren.“ Wenn Blicke töten könnten, wäre ich jetzt vermutlich tot. So hasserfüllt musterte er mich, während er provozierend langsam den Trainingssaal verließ. „Wirklich alles okay?“, fragte Eric. „Oder willst du lieber Schluss machen?“ Ich knetete meinen Rücken und biss die Zähne fest zusammen. „Geht schon!“, winkte ich ab. Der Rest des Trainings verlief ohne weiteren Zwischenfall und ich gönnte mir danach eine lange Dusche. Als ich aus der Kabine tappte, kam Monika zu mir. „Da!“, sagte sie und reichte mir eine Heilsalbe. „„Die hilft gegen blaue Flecken, aber leider nicht gegen seine dummen Anmachsprüche. Ich sag es dir: „Tenner macht bestimmt noch Probleme! Er ist nicht nur ein Frauenhasser sondern obendrein nicht ganz normal!““ „Und ich dachte, das wäre eine einmalige Entgleisung.“, erwiderte ich entgeistert. „Leider nicht!“, seufzte sie leise. „Und es sind ja nicht nur seine Sprüche. Wenn er sich unbeobachtet fühlt, hat er die Hände gerne mal dort, wo sie ganz und gar nicht hingehören. „Das ist ja wirklich die Höhe. Das musst du dir doch nicht bieten lassen. Hast du denn noch keine Beschwerde eingereicht?“, fragte ich ehrlich entsetzt. „Ach Cathy!“, sagte sie betrübt. „Du hast ja keine Ahnung. Als Frau in diesem Beruf kämpft man ohnehin schon mit genügend Vorurteilen. Wenn ich ihn melden würde, wäre ich komplett unten durch. Du kannst dir nicht vorstellen wie schnell man als Quertreiberin oder Mimose abgestempelt wird und das kommt in einem Team nie gut an. Bitte versprich mir, dass du es deinem Freund gegenüber nicht erwähnst.“ „Okay!“, stimmte ich widerwillig zu. „Ich verspreche es. Obwohl ich mir beim besten Willen nicht vorstellen kann, dass es Chris oder dein Vorgesetzter tolerieren oder gar gutheißen würden. Nur weil du dagegen vorgehst, bist du noch lange keine Querulantin. Soll ich nicht doch mit Chris reden?“ „Auf keinen Fall!“, erwiderte sie verschreckt. „Glaub mir, du würdest mir damit mehr schaden als nützen. Und es ist ja nur Tenner und mit ihm hab ich zum Glück nicht oft zu tun. Die anderen Kollegen sind in Ordnung. Also bitte kein Wort zu Chris, ich schaffe das schon.“ „Sicher?“ „Ganz sicher, aber lieb von dir. Und noch einen schönen Abend!“, sagte sie und stopfte eilig ihre durchgeschwitzte Jogginghose in die Tasche. „Bis bald!“ „Danke, dir auch einen schönen Abend!“, wünschte ich und blickte ihr nachdenklich hinterher. Wie so oft verließ ich als eine der Letzten die Umkleide. Traf draußen vor der Tür auf Tenner, der abwartend an der Wand lehnte. „Entschuldigung! Tut mir leid!“, sagte er schleimig und gab sich geknickt. „Ich habe mich wohl etwas daneben benommen. Aber ich wusste nicht, dass du nur zum Spaß am Training teilnimmst und keine Polizistin bist.“ Mir lag schon eine scharfe Antwort auf den Lippen. Doch ich verkniff sie mir, denn Chris trabte eilig den Gang entlang. „Entschuldige ich habe mich verspätet. Bist du fertig?“, fragte er und nickte Tenner dabei beiläufig zu. „Ja!“, sagte ich, griff nach seinem Arm und hängte mich unter. „Wir können gehen.“ Völlig in Gedanken folgte ich Chris zum Wagen. „Hast du etwas, Liebes? Ist etwas passiert?“, forschte er nach. „Du bist heute so ungewöhnlich still. Setzt dir der Prüfungsstress so zu?“ Ich stand so knapp davor ihm von dem Zwischenfall zu berichten, doch mein Versprechen hielt mich davon ab. Ganz sicher wollte ich Monikas Situation nicht noch verkomplizieren. Am späten Abend kam der Vorfall dann doch zur Sprache. Ich zog gerade meine Runden im Pool, als Chris mit einem Hechtsprung neben mir ins Wasser köpfelte und mich ausgelassen am Arm packte. „Aua!“, beschwerte ich mich und verzog wehleidig mein Gesicht. Er stutzte. Hob den Arm behutsam an und betrachtete ihn eingehend. „Hast du dich beim Training verletzt? Woher stammen denn die blauen Flecken?“ „Ach, nichts weiter!“, wiegelte ich ein wenig zu schnell ab und weckte so sein Misstrauen. Also ließ er nicht locker. Bohrte solange nach, bis ich ihm letztendlich von dem Zwischenfall berichtete. Er wurde ernstlich sauer und sein Gesicht sprach Bände. Verriet, dass er innerlich kochte. „Ich werde mir Tenner morgen vorknöpfen. Ich toleriere niemanden in meinem Team, der sich undiszipliniert verhält. Und dumme Sprüche dulde ich schon gar nicht.“, sagte er sichtlich aufgebracht. „Ist schon gut! Er hat sich ja entschuldigt. Obwohl…“ „Obwohl?“, hakte er nach. „Ich frage mich wie es ist, wenn man als Frau gezwungen ist mit ihm zu arbeiten. In der Halle hat Eric alles im Blick, aber was passiert außerhalb? Doch vielleicht bin ich in der Beziehung auch einfach nur zu empfindlich.“, sagte ich vorsichtig und deutete damit an, dass da noch mehr im Argen lag. „Nein!“, erwiderte er bestimmt. „Sein Verhalten ist ganz und gar nicht in Ordnung und du bist nicht die Einzige die es anprangert. Eric ist auch nicht blind. Auch ihm ist Tenner schon unangenehm aufgefallen. Es liegt also nicht an dir.“ „Aber lassen wir das, darum kümmere ich mich morgen.“, sagte er sichtlich ruhiger geworden. Umschlang zärtlich meinen Körper, küsste mich und tauchte mit mir ab.

Bereits erschienen:

Cathy Jefferson – Sarah Dezember 2017 ISBN 978-3740733469

Cathy Jefferson – Lucie März 2018 ISBN 978-3740744823

Cathy Jefferson – Erinnerungen Oktober 2018 ISBN 978-3740 750 138

Cathy Jefferson – Blickwinkel September 2019 ISBN 978-3740 743 178

Cathy Jefferson – Abschied September 2020 ISBN 978-3740 766 610

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