ISBN 978-3740750138
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1.Kapitel
Bad Soden kehrte zum Ausgangszustand zurück. Lag friedlich, beinahe verlassen, nach all dem betriebsamen Trubel. Die unzähligen Reporter und Fernsehteams die nach dem publik werden von Lucies Entführung, wie ein wilder Heuschreckenschwarm über unsere kleine Stadt herfielen, zogen ab. Weiter zur nächsten Sensation, die diese schnelllebige Zeit zu bieten hatte. Nur mit Mühe und unter Einflussnahme auf so manchen Redakteur gelang es Dad, das Bild einer vermögenden Familie, die eben eine Klinik besaß, aufrecht zu erhalten. Die Gefahr, dass einer der Reporter das wahre Ausmaß unseres Vermögens entdecken würde, dieser Kelch zog zum Glück an uns vorüber. Nicht auszudenken, wie negativ sich mein ganzes Leben verändert hätte, wäre auch nur einer von ihnen dahinter gekommen, wie enorm reich wir waren. Ein Leben, wie ich es bis dahin kannte, vorbei. Personenschützer und dergleichen mehr, hätten es von einer Sekunde auf die andere für immer eingeschränkt. Die Security am Tor blieb. Erregte aber, nachdem der Grund nun allen Bewohnern der Stadt nur allzu verständlich war, keinerlei Aufsehen mehr. Die Einzige die wirklich unter der Situation litt, war Lucie. Sie erfuhr, dass Mike Peterson nicht ihr leiblicher Vater war. Auch Amanda wurde verhaftet und würde die nächsten Jahre wohl hinter Gittern verbringen. Nach reiflicher Überlegung und um aus der Schusslinie zu geraten, kehrte Lucie in die Schweiz zurück. Der Aufenthalt in einem Internat, der mich zu einem Abstecher auf die Straße veranlasste, war für Lucie gerne gelebter Alltag. Dad bot ihr an bei uns zu bleiben. Doch sie nahm sein Angebot, für ihren Unterhalt in der Schweiz aufzukommen, dankend an. Kein Wunder. Lucie lebte dort seit über fünf Jahren und all ihre Freundinnen besuchten diese Schule. So nahm ich schweren Herzens Abschied. Nicht ohne darauf hinzuweisen, dass sie stets willkommen und ein gern gesehener Gast in unserem Hause sei. Der Alltag kehrte mit riesigen Schritten zurück. Packte mich und zerrte mich erbarmungslos in die Schule. Ja, die Zeit der faulen Ausreden war endgültig vorbei. Ich erholte mich prächtig. Was einerseits gut war, doch zu meinem Leidwesen auch jede Menge Verpflichtungen nach sich zog. Hausaufgaben wurden nun erbarmungslos eingefordert. Die Schonzeit gehörte der Vergangenheit an. Und noch etwas änderte sich. Bis vor wenigen Tagen saß ich nach Sarahs Tod allein in der Schulbank. Doch nach den Semesterferien trat Hanna in mein Leben. Erst vor wenigen Wochen verließ sie schweren Herzens ihre Heimatstadt Freising in der Nähe von München. Übersiedelte mit ihrer Familie nach Bad Soden, da ihr Vater hier eine Stelle annahm. Ihr Dialekt war die eine, ihr Aussehen die andere Sache. Sie erinnerte mich stark an „Heidi“, die ich als Kind im Kino sah. Ihr Dialekt rief Erinnerungen an die Zeit auf der Straße wach. Es gab keinen Satz in dem nicht mindestens ein Wort vorkam, das ich noch nie zuvor gehört hatte. Zu allem Überfluss war Hanna auch noch ausgesprochen schüchtern. Ein Umstand, der an unserer versnobten Schule ein zusätzlicher Faktor war, um rasch zum „Opfer“ zu werden. Ein Woche lang schwieg ich. Doch als nach einer wilden Wortattacke erste Tränen bei Hanna flossen, war mein Bedarf an blöden Witzen endgültig gedeckt. Fassungslos sah ich zu, wie sie aufgelöst aus der Klasse stürzte. Das war der Moment, in dem es mir eindeutig zu bunt wurde. Das was sich hier vor meinen Augen abspielte, grenzte hart an Mobbing. Ich fand, dass es meine Schulkollegen, besonders Lena, mit ihrem Spott zu weit trieben. „Es reicht! Lasst sie in Ruhe! Verdammt!“, fluchte ich lautstark. „Du solltest dich schämen Lena! Dich spottet ja auch niemand, trotz deines kugelrunden Aussehens!“ Das saß. Unsicher blickte sie in die Klasse. Hoffte auf Unterstützung. Doch da war niemand. Keiner der versucht hätte, sich auf ihre Seite zu schlagen. Ich glaube es lag daran, dass viele meiner Mitschüler ähnlich dachten. Doch wie bei vielen Dingen unterlag auch der Spott einer gewissen Eigendynamik, die erst durch klare Worte gestoppt werden konnte. Ich sprang auf, lief auf den Gang. Fand Hanna aber erst, als ich sie auf der Toilette suchte. Weinend lehnte sie an der Wand. „Komm Hanna!“, sagte ich und streckte ihr meine Hand entgegen. „Vergiss Lena, die ist doch dumm wie Stroh!“ Sie musterte mich überrascht. „Und ich dachte…“, stotterte sie verdattert. „Was dachtest du?“ „Nun, als ich hörte wie vermögend deine Familie ist, da dachte ich, du wärst bestimmt der größte Snob in dieser Klasse. Dabei ist es genau anders herum!“ „Man sollte zuerst jemanden näher kennenlernen, ehe man sich ein Meinung bildet!“, lächelte ich verschmitzt. „Wenn du also Lust und Zeit hast, bist du am Nachmittag herzlich eingeladen mich zu besuchen!“ Ich zückte mein Handy und schoss ein Foto. „Ich komme gerne! Das heißt, wenn es Mutter erlaubt. Wir sind noch mitten im Umzugsstress. Da warten noch zig Kartons auf mich, die ich erst auspacken muss.“, schränkte sie ein. „Eilt nicht!“, erwiderte ich. „Morgen ist auch noch ein Tag!“ „Weshalb hast du mich denn fotografiert?“, fragte sie neugierig. „Ach weißt du Hanna, wir hatten vor kurzem ein kleines Problem. Nun wird unser Einfahrtstor von einer Security bewacht. Damit du problemlos passieren kannst, hinterlege ich es dort mit deinem Namen. Sonst gibt es Stress!“ „Aha!“, kommentierte sie besorgt. „Dann stimmt es also doch, was die Medien berichtet haben. Auch meine Eltern haben von der Entführung gelesen und waren total geschockt. Denn zu dem Zeitpunkt, hatten wir das neue Haus bereits gekauft. Dann ist Bad Soden doch nicht so friedlich und beschaulich, wie man es auf den ersten Blick vermuten möchte!“ „Vergiss was du gehört hast!“, winkte ich ab. „In Bad Soden bist du absolut sicher. Die Sache war eine ganz dumme Geschichte, die nichts mit unserer schönen Stadt zu tun hatte. Sozusagen Marke Eigenimport. Wir haben uns die Entführer faktisch selbst ins Haus geholt. Ist eine lange Story, erzähle ich dir ein anderes Mal!“ „Zum Glück ist die Sache Schnee von gestern!“, schnaufte sie erleichtert. Tja, Lucies Entführung ging landesweit durch die Presse. Doch wie immer, wenn Reporter ihre Finger im Spiel hatten, wurden die Fakten komplett verdreht. Und am Ende hatten die Meisten der Berichte mit den tatsächlich stattgefundenen Ereignissen nichts mehr zu tun. Die Glocke kündigte den Beginn der nächsten Stunde an und unterbrach unser Gespräch. Hastig kehrten wir ins Klassenzimmer zurück. Kramten dort unsere Lateinhefte hervor. Zwei Stunden lang würde Professor Rainher uns nun mit dieser toten Sprache quälen. Nach Unterrichtsende wartete Felix vorm Schultor mit meinem BMW. Dad verdonnerte ihn dazu, mit mir das erforderliche Fahrtraining zu absolvieren. Während ich ausparkte, winkte ich Hanna. „Bitte Cathy, schau auf die Straße!“, ermahnte mich Felix, der eigenartiger Weise seit Beginn unserer gemeinsamen Fahrstunden graue Strähnen im Haar bekam. Während der Fahrt nach Hause, dachte ich an Hanna. Spürte tief in mir, dass dies der Anfang, der erste Tag einer neuen Freundschaft war. Und wie bei Sarah, begann auch sie mit Tränen.
Bereits erschienen:
Cathy Jefferson – Sarah Dezember 2017 ISBN 978-3740733469
Cathy Jefferson – Lucie März 2018 ISBN 978-3740744823
Cathy Jefferson – Erinnerungen Oktober 2018 ISBN 978-3740 750 138
Es erscheint noch:
Cathy Jefferson – Blickwinkel
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