ISBN 978-3740744823
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1.Kapitel
Das Privatgymnasium meiner Heimatstadt Bad Soden lag auf einer kleinen Anhöhe, gleich in der Nähe des Stadtparks. Idyllisch gelegen, umgeben von einem kleinen Wald. Die Sonne blinzelte zaghaft durch das Fensterglas, enthüllte hunderte Abdrücke. Ich saß verträumt im Klassenzimmer, ließ meinen Blick voller Vorfreude aus dem Fenster schweifen, auf die Bäume, die fernen Berggipfel, die durch den frisch gefallenen Schnee wirkten wie angezuckertes Gebäck. Heute war der letzte Schultag vor den lang ersehnten Ferien. Weihnachten. Wie sehr ich dieses Fest doch liebte. Diese besinnliche Stimmung. Diesen einzigartigen Geruch, der in der Adventzeit in der Luft lag. Nach Bienenwachskerzen, Duftöl, Punsch und frisch gebackenen Keksen.
Die Schulglocke verkündete das lang ersehnte Ende des Unterrichts. Wie auf Kommando sprangen alle auf, drängten stürmisch Richtung Ausgang. „Was hast du für die Ferien geplant, Cathy?“, fragte Melanie neugierig, während wir die Treppe hinunterfegten. „Hm, eigentlich nichts Besonderes!“, antwortete ich abweisend. Ich war nicht gewillt sie in meine Pläne einzuweihen. Seit dem Tod meiner besten Freundin Sarah, versuchte Melanie immer wieder Freundschaft mit mir zu schließen. Aber ich war noch nicht soweit. Sarah war tief in meinem Herzen. Sie war wie ein Stein der übers Wasser springt. Ihr Leben berührte das meine, hallte wie ein Echo in meiner Seele fort. Doch ich verbarg meine Gefühle, allzu schnell bekam man in dieser Schule den Ruf nicht ganz richtig zu ticken. So strebte ich ausgelassen, wie meine Klassenkameraden, dem Ausgang zu. Entdeckte Chris, und meine kleine Welt begann zu leuchten.
Mein Leben veränderte sich in den letzten Monaten drastisch. Es war die Liebe zu Chris, die mir wieder Boden unter den Füßen gab. Aber auch die Beziehung zu meinem Dad verbesserte sich von Tag zu Tag. Seit kurzem besuchten wir gemeinsam, Jonas eingeschlossen, eine Familientherapie. Ehrlich gesagt fand ich sie überflüssig. War mir sicher, dass wir auch ohne diesen „Seelenfuzzi“ in der Lage wären, unsere Probleme aufzuarbeiten. Hielt nichts von diesem Seelenstriptease. Aber gut. Ich wollte kein Spielverderber sein, und nahm jede Gelegenheit wahr, mehr Zeit mit meinem Dad zu verbringen. Die Idee kam von Amanda, die wie ein Wirbelsturm in unser Leben fegte. Sie tauchte eines Tages unverhofft auf. Präsentierte sich uns als neue Frau an Dads Seite, und brachte jede Menge frischen Wind in unser Haus. Eigentlich, so verstand ich es jedenfalls, war ihr Kommen als Kurzbesuch geplant. Doch zu unserer Überraschung blieb sie. Ja, Amanda. Jonas und ich waren mehr als nur überrascht, als uns Dad den Besuch einer „alten Freundin“ ankündigte. Bis zu diesem Zeitpunkt wussten wir nichts von seiner heimlichen Liaison. Ahnten nicht, dass sich Dad bereits über ein Jahr mit ihr traf. Wochen bevor Amanda anreiste, verwandelte Dad unser Haus in „Fort Knox“. Dieser Umstand war den Ereignissen jener Nacht geschuldet, in der ich beinahe gestorben wäre. Wir besaßen vorher schon ein modernes ausgeklügeltes Sicherheitssystem, für das ich mich leider nie interessierte. Doch die Technik, die Dad nun in unserem Haus verbauen ließ, war geeignet einen Präsidenten zu schützen. Kurz nach der Fertigstellung erhielten wir eine umfassende Einschulung. Dieses Mal winkte ich nicht gelangweilt ab, sondern verfolgte aufmerksam die Ausführungen des Technikers, der jedes noch so kleine Detail genau erklärte.
Hätte ich in jener Nacht, in der ich in heilloser Panik floh, gewusst, dass sich nur befugte Personen in unserem Haus aufhalten konnten, wäre ich nicht zurück in den Park und so beinahe in meinen Tod gelaufen. Nein, damals wusste ich so gut wie nichts über unser Sicherheitssystem. Genau sowenig wie ich ahnte, dass es die Leute des SEK waren, die mich damals verzweifelt in unserem Haus suchten. Zum Glück ging die Sache ja noch einigermaßen glimpflich aus. Auch wenn ich nicht, wie anfangs vermutet, die Sache unbeschadet überstand. Nein, die stundenlange Kälte forderte ihren Tribut. Ich bekam eine schwere Lungenentzündung, die mich wochenlang ans Bett fesselte. Trotzdem brachte mich mein Dad nicht in unsere Klinik. Doktor Freier riet ihm dringend davon ab. Denn in meinen wirren Fieberträumen, war ich immer wieder in diesem verdammten 7.Stock, und schreiend auf der Flucht. Erst nach Tagen, in denen Dad, Chris und Jonas abwechselnd an meinem Bett Wache hielten, überwand ich die schwere Krise und wurde klarer. Nun als Amanda anreiste, unzählige Koffer im Gepäck, ahnte ich nicht, dass sie plante zu bleiben. Kaum eingetroffen, bemängelte sie auch schon lautstark unser Sicherheitskonzept. Ich wollte sie gerade über unser neues System aufklären. War im Begriff sie zu belehren, dass sich sehr wohl zwei Sicherheitsleute in der neuen Schaltzentrale im umgebauten Kellertrakt befanden, da fiel mir Dad ins Wort. „Weißt du Amanda“, sagte er. „Hier in unserer Kleinstadt ist das nicht notwendig. Hier ist unauffälliges Verhalten der beste Schutz! Niemand in unserem kleinen Städtchen ahnt wie wohlhabend wir wirklich sind. Ich weiß es klingt nachlässig, aber unsere Haustüre ist durch eine normale handelsübliche Alarmanlage gesichert!“ „Okay!“, dachte ich. „„Dad hält sich strikt an die dringende Empfehlung, die auch mir diese Sicherheitsleute immer wieder einschärften: “Nicht darüber sprechen! Niemanden davon erzählen!““ Anfänglich freute ich mich über Amandas Besuch. Gönnte Dad sein neues Glück. Wusste ich doch aus eigener Erfahrung, wozu Liebe fähig war. Ich verspürte keine Eifersucht. Empfand nie das Gefühl mit ihr um die Liebe meines Dads kämpfen zu müssen. Trotzdem konnte ich Amanda bereits nach kurzer Zeit nicht ausstehen. Es war eigenartig. Vielleicht war ich ja wirklich ein klein wenig paranoid. Doch ich traute ihr nicht über den Weg. Der Grund für meine bald auftauchende Abneigung, war der Disput, den sie kurz nach ihrer Ankunft mit Maria führte. Und der Empfang, den mein Dad jedes Jahr um diese Zeit für seine leitenden Angestellten gab. Sie zeigten mir eine Seite von Amanda, die mein anfänglich positives Bild von ihr vollständig revidierte.
Der erste Vorfall ereignete sich, bereits wenige Tage nach ihrer Ankunft.
Ich kam gerade von der Schule. Öffnete kaum die Türe, da hörte ich Amanda lauthals schreien. Bis zu diesem Zeitpunkt kannte ich sie nur von der zuckersüßen Sahneseite. Ihr Verhalten passte sogar nicht zu der freundlichen Art, die sie bis dahin von sich zeigte. Sie tat immer so vornehm. Legte eine geradezu penetrante Höflichkeit an den Tag. Gab sich so rücksichtsvoll, dass es beinahe an Selbstaufgabe grenzte. Doch nun schrie, nein brüllte sie. Ungehobelt wie ein Bauarbeiter. Und damit beurteilte ich für wahr nicht alle generell. Nur den Teil von ihnen, die anzügliche Bemerkungen vom Baugerüst schrieen, oder dämlich pfiffen. Ich war erstaunt, aber auch neugierig, wer wohl Opfer ihres unerwarteten Ausrasters wurde. Da hörte ich Marias Stimme. Meine Schuhe flogen von meinen Füßen und Sekunden später stand ich in der Küche. Amanda drehte mir den Rücken zu, und sah mich nicht kommen. Marias Augen waren glasig. Vor ihr am Boden lag eine zerbrochene Suppenschüssel. „Was geht hier vor!“, fuhr ich Amanda barsch an. Sie deutete anklagend auf die Schüssel. Dann auf ihre Strümpfe, die ein klein wenig bekleckert waren. „Was für unfähiges, stümperhaftes Personal ihr doch beschäftigt!“, beschwerte sie sich. „Sieh dir nur meine Strümpfe an. Dieser ungeschickte Trampel!“ Sie schnaubte wütend durch die Nase. „Bist du nicht ganz bei Sinnen Amanda! Wie kannst du Maria nur so behandeln? Sie ist für uns ein Familienmitglied. Ich dulde es nicht, dass du so mit ihr sprichst! Ich möchte dich darauf hinweisen, dass du Gast in unserem Haus bist. Verstehst du Amanda, du bist Gast hier! Und selbst, wenn es nicht Maria wäre, sondern eines der Mädchen! Wir benehmen uns unseren Angestellten gegenüber mit Respekt! Ich bestehe darauf, dass du dich bei Maria entschuldigst!“ erwiderte ich heftig, bemüht meine Fassung zu wahren. Denn ehrlich gesagt, in diesem Moment verfluchte ich meine Erziehung. Am liebsten hätte ich sie bei ihren auftoupierten Haaren gepackt und aus der Küche geschliffen. „Du bist wohl nicht ganz bei Trost Cathy! Du erwartest doch wohl nicht im Ernst, dass ich mich bei jemandem von eurem Küchenpersonal entschuldige!“, kreischte sie hysterisch und wollte die Küche verlassen. Doch ich versperrte ihr den Weg. „Du verlässt die Küche nicht, ehe du dich nicht entschuldigt hast!“, drohte ich ihr. Amanda hob kurz die Hand. So als wollte sie nach mir schlagen. „Ja schlag zu! Trau dich!“, dachte ich, „Das Echo wirst du bestimmt dein Leben lang nicht vergessen!“ Es war Maria, die den Zwischenfall beendete und mich sanft zur Seite zog. „Sie ist es nicht wert!“, flüsterte sie mir ins Ohr. Amanda stürzte, kaum dass der Weg frei war, aus der Küche. „Das wird ein Nachspiel für dich haben Cathy!“, drohte sie mir. „Ich werde alles haarklein deinem Dad berichten!“ „Tu das!“, schrie ich. „Denn sonst mach ich es!“ Ich keuchte. Ja, ich sollte mich schonen. Sollte eigentlich nicht so schreien, aber Amanda trieb mich zur Weißglut. Maria warf mir einen besorgten Blick zu. „Beruhig dich Cathy! Atme ganz tief!“ Schnell führte sie mich zur kleinen Essecke, stellte mir ein Glas Wasser hin, und wartete bis ich getrunken hatte. „Geht es dir wieder besser?“, fragte sie besorgt. „Danke Maria und dir? Ich bin so wütend. So darf niemand mit dir reden!“, flüsterte ich aufgebracht, atmete noch immer schwer. „Ist schon gut Cathy! Ewig wird sie ja hoffentlich nicht bleiben!“ seufzte sie. „Dein Wort in Gottes Ohr!“, sagte ich ehe ich die Küche wieder verließ.
Der zweite Eklat folgte kaum eine Woche später auf dem Empfang den mein Dad gab. Er brachte bei mir das Fass zum überlaufen.
Die Veranstaltung fand wie immer, in unserem Haus statt. Gab es doch dem Ganzen den gewünschten familiären Anstrich. Ein Catering übernahm an diesem Abend die Verpflegung der Gäste. Maria führte nur die Aufsicht. Natürlich war zu diesem Anlass auch Fremdpersonal im Haus. Es sollte sich um das leibliche Wohl unserer Gäste kümmern. Schwarz livrierte Kellner sorgten für die Getränke. Selbstverständlich war Chris auch eingeladen. Zählte ihn doch Dad, seit wir eine Beziehung führten, so gut wie zur Familie. Chris war gerade gutgelaunt gekommen. Ich wollte nur noch kurz nach oben, um meinem Äußeren den letzten Schliff zu verleihen. Bat ihn, sich schon ein Mal unter die Gäste zu mischen. Halb auf der Treppe sah ich, wie Amanda ihm ein Tablett in die Hand drückte. Unwirsch forderte sie ihn auf, sich doch gefälligst aufmerksamer um die Beseitigung der leeren Gläser zu kümmern. Chris stand wie erstarrt da. Mit einem Sprung fegte ich die Treppe herunter und fauchte Amanda wütend an. „Bist du nicht ganz richtig im Kopf, das ist Chris meine Freund!“ Zuckersüß verzog sie ihr Gesicht. „Entschuldige Catharina, das wusste ich nicht! Ich habe ihn in seinem Aufzug für einen der Kellner gehalten!“ Am liebsten hätte ich ihr die Augen ausgekratzt. Aber um Chris nicht noch länger dieser lächerlichen Situation auszusetzen, nahm ich ihm mit einem Ruck das Tablett ab. Drückte es Amanda in die Hand. Leise um nicht noch mehr Gäste auf diese für Chris so unangenehme Szene aufmerksam zu machen sagte ich: „Selbst wenn er ein Kellner wäre, in unserem Haus sprechen wir mit Angestellten respektvoll! Das solltest du mittlerweile schon mitbekommen haben!“ Dann ließ ich sie, mit dem Tablett in der Hand stehen. Zog Chris hinter mir die Treppe hoch. Er wirkte bedrückt und musterte mich unglücklich. Am liebsten wäre ich auf der Stelle nach unten gestürmt und hätte Amanda ins Gesicht geschlagen. Doch Chris hinderte mich. „Eine dumme Verwechslung Liebes! Reg dich nicht auf! Das war sicher keine böse Absicht. Wahrscheinlich ist mein Anzug wirklich unpassend für diesen Anlass!“ „Von wegen!“, dachte ich erbost. Durchschaute ich Amandas bösartiges Ansinnen doch sofort. Doch um Chris den Abend nicht völlig zu verderben, sagte ich schnell: „Babalabab! Für mich bist du der Schönste. Und dein Anzug sieht toll aus. Überhaupt nicht so wie der eines Kellners! Lass dich nur nicht von Amanda verunsichern!“ Chris zögerte kurz. Fand dann aber zum Glück seinen Humor wieder. „Immerhin, kann ich eurem Personal aushelfen, sollte es Not an Mann geben!“, scherzte er gleich darauf wieder. In diesem Moment betrat Jonas mein Zimmer und musterte uns fragend. „Na ihr Turteltauben, wollt ihr euch den ganzen Abend hier oben verkriechen? Lachend hakte er sich bei mir unter und zog mich zur Treppe. „Komm Chris“, lockte er, „Das Buffet ist herrlich, lasst uns nach unten gehen!“ Ein kurzer ernster Blick. Ein verlegenes Augenzwinkern zeigte mir, dass auch er das Geschehen im Eingangsbereich mitverfolgte. „Peinliche Verwechslung! Aber sicher keine böse Absicht!“, flüsterte er mir zu. Ja sicher, keine Absicht! Manchmal begriff ich nicht, wie dumm Männer sein konnten. Mit dieser beschissenen Nummer würde ich sie jedenfalls nicht ungestraft davonkommen lassen. Ihre Ansage eben bedeutete Krieg, und zwar auf allen Fronten. Und wirklich. Im Laufe des Abends bot sich mir die perfekte Gelegenheit zu einem Gegenschlag. Amanda streifte, wie viele unserer Gäste durch den weitläufigen Wintergarten. Stand nun, gefährlich nahe am Poolrand. Wie zufällig kam ich immer näher. Ehe sie sich versah, stolperte ich. Suchte scheinbar Halt, und riss sie torkelnd ins Pool stürzend mit. Noch ehe wir im Wasser aufschlugen, sah ich Jonas heiteren, und Dads zu Tode erschrockenen Blick. Prustend tauchte ich wieder auf. Verkniff mir ein lautes Lachen als ich sah, dass ihre hochtoupierten Haare traurig zur Seite hingen. „Geht es dir gut Liebes!“, hörte ich die aufgeregte Stimme meines Dads. Doch statt nach Amandas ausgestreckter Hand zu greifen, griff er nach mir. Und dass, obwohl ich bereits im Begriff war, mich am Poolrand hochzuziehen. Er hob mich wie ein Kind hoch. Verpackte mich eilig in einen der Bademäntel und trug mich aus dem Wintergarten. Ich konnte es mir nicht verkneifen Amanda einen triumphierenden Blick zuzuwerfen. Sie wurde gerade, wie ein versunkenes Schlachtschiff, von Doktor Freier hoch gehievt. Chris stürzte ebenfalls besorgt aus dem Kaminzimmer. Lief hektisch hinter Dad die Treppe hoch. „Du musst dich rasch umkleiden Cathy!“ sagte Dad noch immer voller Sorge, „Du hast gerade mit viel Glück deine schwere Lungenentzündung auskuriert!“ Leichenblass stand er neben mir am Sofa, auf das er mich, wie einen zerbrechlichen Gegenstand, abgesetzt hatte. Sofort meldete sich mein schlechtes Gewissen. „Alles okay Dad! Mach dir keine Sorgen! Chris ist ja bei mir! Kümmere du dich doch bitte um die arme Amanda. Ich hab sie ja leider mit ins Pool gerissen!“ sagte ich, und mein Augenaufschlag war hundertprozentig Oskarreif. Unsicher blieb er vor mir stehen. „Bist du dir sicher Cathy, das wirklich alles mit dir in Ordnung ist?“, fragte er noch ein Mal nach. „Ganz sicher Dad!“ beruhigte ich ihn. Stand zur Bestätigung meiner Worte auf und huschte ins Bad. Ich hörte wie er sich noch kurz mit Chris unterhielt, ehe er mein Zimmer verließ. Derweilen stand ich quietschvergnügt unter der Dusche. Summte vor mich hin und angenehm warmes Wasser prasselte auf mich ein. Ich kam kaum aus der Dusche, da wickelte mich Chris fürsorglich in ein Badetuch. Ich lachte schelmisch. Irritiert schaute er mich an. „Alles gut Chris!“, erklärte ich fröhlich, „Nur ein dummer Unfall! Ich ziehe mich rasch um, dann können wir wieder nach unten gehen!“ Gesagt getan. Kurze Zeit später betrat ich mit Chris am Arm den Wohnbereich. Sah wie meinem Dad sichtlich eine Last von den Schultern fiel, und sein besorgtes Gesicht sich aufhellte. Der Empfang wurde wie jedes Jahr ein voller Erfolg. Angenehm und äußerst kurzweilig. Nur Amanda tauchte den ganzen Abend über nicht mehr auf. Seit diesem Vorfall herrschte, außer wenn Dad in der Nähe war, eisiges Schweigen zwischen uns. Jonas hielt sich mehr oder minder aus der Sache heraus. Wollte keinen Unfrieden, war hin und her gerissen. Er freute sich, wie anfangs auch ich, dass Dad glücklicher war seit Amanda in sein Leben trat. Doch wir beide waren auch ein eingeschworenes Geschwister-Team. Mich ärgerte es, dass mein Bruder Amanda noch immer durch die rosarote Brille sah. Selbst Chris belustigten meine Bedenken, Amanda betreffend. Er spielte Seelenklemptner und diagnostizierte: „Eifersucht und Verfolgungswahn“. Ich fand das so gar nicht komisch, obwohl er sich vor Lachen schüttete. Nun gut, ich hakte dieses Thema ab. Sprach es Chris gegenüber nicht mehr an. Die Tatsache allerdings, dass er in dieselbe Kerbe wie Jonas schlug verunsicherte mich. Ich sprach Jonas nach dem Vorfall mit Chris auf Amanda an. Erklärte, dass sie mir nicht ganz geheuer sei, und ich sie für bösartig und berechnend hielte. Er lachte nur amüsiert. „Auch wenn Dad dich nicht durchschaut hat Cathy, ich schon! Rache ist süß, nicht wahr. Und ansonst hast du keinen Grund eifersüchtig zu sein. Mach dir wegen Amanda keine Gedanken. Sie ist nur seine Freundin. Du bist seine Tochter, das sind zwei verschiedene Paar Schuhe! Vielleicht hast du als Kind auch zu oft Schneewittchen gelesen!“ „Sehr witzig Jonas!“, empörte ich mich. Aber es half nichts. Er wischte meine Bedenken einfach beiseite.
„Schlecht aufgelegt?“, fragte Chris, als ich ihn, nachdem ich den Schulhof eilig überquerte, erreichte. „Nein, gar nicht wieso?“, fragte ich verwundert. „Nun“, sagte er, „du ziehst ein Gesicht, wie sieben Tage Regenwetter! Und dabei hast du jetzt doch Weihnachtsferien!“ Wusste ich es doch! Jedes Mal, wenn meine Gedanken zu Amanda abschweiften, verdarb sie mir den Tag. Dagegen half nur küssen. Ich legte meine Arme um Chris, und küsste ihn. Sofort verspürte ich dieses angenehme Kribbeln, und meine schlechte Laune war augenblicklich Geschichte. Mein Körper reagierte. Glühte förmlich auf, prickelte vor Begierde. Chris seufzte tief. „Du weißt aber schon, dass wir heute Mittag zum Essen eingeladen sind, und wir uns beeilen müssen! Also keine Zeit für...“ Nochmals seufzte er tief, blickte außerordentlich bedauernd auf mich. „Ach ja“, dachte ich. „Diese blöde Einladung von Amanda zum Mittagessen in dieses pickfeine Nobelrestaurant.“ Ich hasste es geradezu auswärts zu essen. Fand, dass Marias Kochkünste, jeden dieser Sterneköche bei weitem übertrafen. Abgesehen davon war es zuhause viel gemütlicher. Widerwillig löste ich mich aus seinen Armen. „Dann müssen wir uns wirklich beeilen, denn ich muss mich noch umziehen. Für diese „Schickimicki Einladung“ kann ich so auf gar keinen Fall bleiben! Und wir haben kaum noch eine Stunde Zeit!“, stöhnte ich. Verwundert stellte ich fest, wie verändert Chris aussah. So „aufgetakelt“ sah ich ihn in unserer gemeinsamen Zeit noch nie. Sein neues Outfit riss sicher ein tiefes Loch in sein spärliches Budget. Nicht, dass er nicht gut aussah. Aber einfach fremd. So angepasst an diese reichen Schnösel, die man bekannter Weise in diesen Lokalen antraf. Natürlich verstand ich seine Beweggründe nur zu gut. Amanda verletzte ihn mit ihrer Aussage doch tiefer, als er zugab. Chris sprach es nie aus. Aber ich wusste, dass er seit dem Beginn unserer Beziehung kämpfte. Mit dem Gedanken, für unsere Gesellschaft nicht gut genug zu sein, nicht hineinzupassen in unsere Welt. Amanda bestätigte seine Befürchtung geradezu. Doch was mich betraf, irrte er gewaltig. Denn am meisten an ihm liebte ich seine Normalität. Er wirkte nie gekünstelt. Gab sich in meiner Gegenwart bodenständig und selbstsicher. Oft fragte ich mich, warum in aller Welt ihn diese Nichtstuer und Angeber so verunsicherten. Das Einzige das für mich zählte war, dass ich Chris liebte und er mich. Alles andere war, für mich jedenfalls, nicht relevant. „Wo ist dein Auto?“, fragte ich, nachdem ich es nirgendwo entdecken konnte. Chris lächelte verlegen. „Ich musste mir ein Leihauto nehmen. Mein alter VW, befindet sich schon wieder in der Werkstatt!“ Er senkte seinen Blick. Es war wie bei Jonas. Keiner der beiden konnte mir ins Gesicht lügen. „Verdammt! Shit!“ Soweit trieb ihn Amanda schon. Jetzt schämte er sich also auch schon für sein Auto. Ich war kurz davor ihn darauf anzusprechen. Ersparte ihm dann aber die Peinlichkeit, ihn bei einer Lüge ertappt zu haben. Doch ich wusste, dass ich dieses Thema unbedingt ansprechen musste. Chris sollte wissen, dass mir diese Dinge völlig egal waren. Ich brauchte keinen Maybach, keinen Ferrari um glücklich zu sein. Nein, dazu benötigte ich nur seine Liebe. Verlegen öffnete er die Türe eines BMWs. Schweigend stiegen wir ein. Chris spürte, dass ich ihn durchschaute. Es war wie ein Eiertanz. Ich lächelte ihn an, küsste seine Stirn, und stellte erleichtert fest, dass sich seine sorgenvolle Miene aufhellte.