Leseprobe Sarah

ISBN 978-3740733469

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1.Kapitel

Die kleine Stadt Bad Soden, nicht weit entfernt vom Speckgürtel Frankfurts, war meine Heimatstadt. Idyllisch gelegen, weit ab vom Trubel der Großstadt. Hier in dieser beinahe ländlichen Gegend lag unser Haus. Umgeben von einem beeindruckenden, parkähnlichen Grundstück mit uraltem Baumbestand. Nur einige Gehminuten davon entfernt lag unsere Klinik, die schon seit Generationen im Familienbesitz war. Ich war jung, reich und sah gut aus. Auf den ersten Blick die besten Voraussetzungen, um glücklich zu sein. Doch wie so oft im Leben, trog der Schein. Früher, als Kind, war mein Leben einfacher. Ich vermisste meine Mom nicht. Wie auch. Ich lernte sie nie kennen. Sie starb als ich noch ein Baby war. Doch als ich in die Pubertät kam, änderte sich vieles. Mein Dad, der auch bis dahin nur sporadisch in mein Leben schneite, zog sich mehr und mehr von mir zurück. Er dachte wohl, ich wäre nun alt genug, um ohne seine Fürsorge zurechtzukommen. Wie sehr er da irrte. Gerade in dieser Zeit, wo mein Leben, mein ganzes Fühlen auf den Kopf gestellt wurde, wäre er, oder eine Mom bitter von Nöten gewesen. Doch zum Glück gab es Sarah. Sarah war nicht nur meine beste Freundin, sie war auch meine Ratgeberin, meine Seelenverwandte. Erst vor wenigen Tagen feierte ich meinen 17. Geburtstag. Besuchte nun gemeinsam mit Sarah die elfte Klasse des Privatgymnasiums in Bad Soden. Die Ferien endeten vor wenigen Tagen, und die Schule begann wieder. Es war Ende August. Die Sonne brannte heiß vom Himmel, ein herrlicher, nahezu wolkenloser Spätsommertag. Gleich nachdem der Unterricht endete, stürmten wir in den nahe gelegenen Stadtpark. Chillten entspannt auf unserer Lieblingsbank unter der alten Eiche. Lümmelten herum und relaxten. Sarah war ganz aufgeregt. Erzählte freudestrahlend, dass sie sich anschließend mit Jonas in der kleinen Wohnung treffen würde. Jonas kehrte erst vor wenigen Tagen aus den Vereinigten Staaten zurück und so bot sich den beiden noch wenig Gelegenheit zur Zweisamkeit. Doch das sollte sich heute wieder ändern. Ja, meine beste Freundin und mein Bruder waren ein Liebespaar. Anfangs haderte ich deswegen mit meinem Schicksal. Musste ich doch meine beste Freundin nun mit meinem Bruder teilen. Doch mittlerweile gewöhnte ich mich daran. „Ich muss!“, sagte sie nach einem unruhigen Blick auf die Uhr. „Jonas wartet nicht gerne.“ „Okay! Ist gut.“, sagte ich unwillig. „Ich muss ohnehin los! Ich habe noch Musikunterricht.“ Leise fluchend verließ ich den angenehm schattigen Platz, wäre am liebsten sitzen geblieben. Aber wie so oft in meinem Leben rief die Pflicht. Sarah rekelte sich, streckte sich in alle Richtungen, winkte kurz und stobte davon. Hopste voller Vorfreude, wie ein Kleinkind, über den groben Kiesweg. Ich versenkte gerade meine Geige im Koffer, als mein Handy läutete. Ein erstaunter Blick aufs Display verriet mir, dass es Sarah war. „Es ist aus Cathy! Ich habe mit Jonas Schluss gemacht.“, schluchzte sie hysterisch, kaum dass ich abhob. „Was ist denn passiert Sarah?“, erkundigte ich mich völlig überrumpelt. „Verdammt!“, dachte ich. „Nicht schon wieder.“ Ja, das war leider nicht ihr erster Streit. Schon einmal stand ihre Beziehung auf der Kippe, kurz vor dem Aus. Für mich die dümmste Situation, die man sich vorstellen kann. Für wen ergreift man in so einer Situation Partei? Doch diese Thematik musste ohnehin hinten angereiht werden. Galt es doch nun in erster Linie, Sarah zu helfen und ihr als Freundin beizustehen. „Wo bist du jetzt?“, fragte ich, bemüht beruhigend auf sie einzuwirken. Doch Sarah schluchzte nur haltlos, schien völlig durch den Wind. „Geh nach Hause!“, befahl ich streng, „Ich bin gleich bei dir.“ Hektisch verstaute ich meinen Geigenkoffer am Roller und brauste los. Keine zwanzig Minuten später saß ich in Sarahs Zimmer. „Was ist passiert?“, bohrte ich vorsichtig nach. Traurig senkte sie den Kopf, vergrub ihn tief im Kissen und ihre katzengrünen Augen wurden glasig „Keine Sorge Sarah“, tröstete ich sie. „Das wird wieder.“ Ich schlang meine Arme um sie, trocknete ihre Tränen. Doch sie schüttelte nur unglücklich den Kopf. „Nein Cathy, das wird nicht. Zumindest nicht solange Jonas kokst. Er ist nicht mehr der Mensch, in den ich mich damals Hals über Kopf verliebt habe. Ich habe es dir ja schon gesagt, er verändert sich. Ich glaube fast, er liebt mich nicht mehr.“ „Jetzt übertreibst du aber maßlos Sarah.“, rügte ich sie heftig. „Jonas liebt dich! Das weiß ich genau. Ich kenne doch meinen Bruder.“ Ich bemühte mich meiner Stimme einen bestimmten, festen Ton zu verleihen. Trotzdem schwamm sie. Wir waren nun schon seit einer Ewigkeit befreundet. Lösten gemeinsam so manches Problem, doch heute war ich ratlos. Musste selbst erst mit dieser verworrenen Situation klar kommen. So dachte ich, dass es wohl das Beste wäre, ihr vorerst Zeit zu geben, die ganze Sache zu überdenken. „Ich muss jetzt kurz nach Hause.“, erklärte ich. „Maria wird mich ohnehin ermorden, weil ich schon wieder nicht zum Essen erschienen bin. Und du beruhigst dich bitte inzwischen. Wir treffen uns um 22:00 Uhr vorm Club. Bis dahin siehst du klarer. Und dann bequatschen wir die Situation ausführlich. Okay?“ Ich hoffte auf ein zaghaftes Lächeln. Eine ihrer schrägen Grimassen, doch Sarah reagierte nicht. Starrte weiter stumpfsinnig aufs Bett. Ich zuckte hilflos mit der Schulter und machte mich auf den Weg. „Also dann um 22:00 Uhr vorm Club? Ja?“, fragte ich, nach einem letzten besorgten Blick. Sie nickte, und vergrub gleich darauf ihr Gesicht unter der Decke. „Das wird schon. Sie beruhigt sich wieder.“, dachte ich. „Sie braucht einfach nur ein paar Minuten für sich!“ Und doch war da dieses komische Gefühl. Den ganzen Nachmittag über versuchte ich Jonas zu erreichen. Wollte erfahren, was zum Teufel passiert war. Doch er hob nicht ab. Meldete sich nicht, und das obwohl ich ihm seine Mobilbox randvoll quatschte. Kurz vor 22:00 Uhr bestieg ich den Roller, und machte mich auf den Weg. Der „InClub“ lag ein wenig außerhalb von Bad Soden. Mit vierzehn nahm mich Jonas das erste Mal in diesen Nobelclub mit. Ich staunte damals nicht schlecht, was die Investoren mit enormem Aufwand aus der ehemaligen Fabrik zauberten. Das alte Schindeldach wurde entfernt, und durch eine Glaskuppel ersetzt. Im Inneren erinnerten mächtige Säulen an das alte Rom. Hier wurde nicht gekleckert hier wurde geprotzt. Überall prangte Marmor und nur die edelsten Hölzer wurden hier verarbeitet. In diesem Club traf sich das „Who is Who“ von Frankfurt und Umgebung. Gelangweilte Teenager aus der obersten Gesellschaftsschicht, reiche Geschäftsleute, aber auch Newcomer. Nein, niemand der nicht zur High Society gehörte, oder zumindest jemanden von ihnen persönlich kannte, fand hier Einlass. Dafür sorgte die Security, die am Eingang jeden Einzelnen kontrollierte. Nur selten ließen sie „Otto Normalbürger“ passieren. Meist junge äußerst attraktive Mädchen. Allerdings niemanden unter achtzehn. Außer natürlich man erfüllte sonst alle Kriterien. So wie ich. Meine American Express Centurion Card öffnete mir die Türe wie von selbst. Ja, ich musste mich nicht hinten in die Schlange einreihen, mir öffnete man ohne Nachfrage. Gleich als ich eintraf sah ich Sarah. Sie lehnte abwartend am Eingang. Rein äußerlich wirkte sie wie jeden Tag. Ihr Makeup saß perfekt, und auch ihr Gesichtsausdruck ließ nicht den geringsten Rückschluss auf ihre Seelenlage zu. Und doch. Unsere Freundschaft dauerte schon zu lange, als dass ich nicht bemerkt hätte, dass alles, auch ihr neonfärbiges Outfit, nur Fassade war. Trotzdem gab ich mich unbekümmert. Übersah geflissentlich den gequälten Ausdruck, der über ihr Gesicht huschte, als sie mir entgegenkam. Ich packte ihre Hand und zog sie in den Club. „Hier?“, fragte ich. Deutete auf eine der kleinen Nischen, in unmittelbarer Nähe der Tanzfläche. Sie zuckte nur teilnahmslos die Achsel, und ließ sich laut seufzend auf den Stühle fallen. Ich bestellte Whisky-Red Bull. Hoffte, dass der Alkohol sie aus dem Loch, in dem sie offensichtlich festsaß, holen würde. Doch mein Plan funktionierte nicht. Die vergangene Stunde redete ich wie ein Wasserfall auf sie ein. Beschwor sie, die Sache nicht so ernst zu nehmen. Bat sie inständig, die Angelegenheit ganz in Ruhe zu überdenken. Erklärte ihr, dass nichts so heiß gegessen wird, wie man es kocht. Ja, ich bot sogar an zu vermitteln. Gab ihr deutlich zu verstehen, dass ich ihre Reaktion mit Jonas „Schluss zu machen“ für völlig überzogen hielt. Doch was auch immer ich vorbrachte, es verfehlte seine Wirkung. Schön langsam war ich mir nicht mehr sicher, ob Sarah mir überhaupt zuhörte. Denn sie saß nur da, starrte teilnahmslos auf ihr Glas, und sagte kaum ein Wort. „Du liebst ihn doch?“, fragte ich ratlos. „Ja!“, antwortete sie. „Und deshalb werde ich jetzt tun, was ich tun muss.“ Ehe ich auch nur ansatzweise in der Lage war, den Sinn ihrer Worte zu verstehen, verließ sie sie Nische und verschwand. Eine tiefe innere Unruhe erfasste mich. Der Ausdruck, der auf ihrem Gesicht lag als sie ging, verhieß nichts Gutes. Irgendwie wirkte sie so wild entschlossen. Die Frage was sie nun vorhatte, geisterte unentwegt durch meinen Kopf. Ich klebte schweißnass am Stuhl. Rutschte unruhig darauf herum. Stand immer wieder auf und blickte mich suchend um. Doch Sarah blieb verschwunden. Ich hielt bereits Whisky-Red Bull in Händen, als sie auftauchte. Ich starrte ihr entgeistert entgegen. Denn das was ich sah, verschlug mir die Sprache. Dieses eigenartige Strahlen in ihren katzengrünen Augen, dieser euphorische Ausdruck der auf ihrem Gesicht lag. Ich kannte ihn. Kannte ihn nur zu gut, von Jonas. „Bist du nun komplett verrückt geworden?“, fuhr ich sie heftig an. „Was Sarah, was zum Teufel hast du dir nur dabei gedacht?“ Sarah und ich ließen keine Dummheit aus. Tranken zuviel Alkohol, rauchten seit wir dreizehn waren. Doch von einer Sache ließen wir stets unsere Finger. Drogen! Ich begriff nicht, konnte nicht nachzuvollziehen, wie sie sich in so kurzer Zeit um 180 Grad nachdrehen konnte. „Ich war bei Horst Degenhof.“, berichtete sie gehetzt. „Ich habe ihm mit der Polizei gedroht. Gesagt, dass ich ihn anzeige, wenn er Jonas noch ein Mal Kokain verkauft. Da hat er mir…“ Sie zögerte, brach mitten im Satz ab. Einen flüchtigen Momentlang tauchte kalte Angst, nackte Panik in ihren Augen auf. Dann verschwand der Ausdruck und sie zerrte mich hoch, hinunter auf die Tanzfläche. Wir tauchten in die Menge ein und Sarah drehte sich wie verrückt im Kreis. „Du bist so schön Cathy, so wunderschön.“, lachte sie und packte mich an den Händen. Nun drehten wir uns beide. Wie ein Kreisel, wie der Zeiger einer Uhr. Schneller, immer schneller. „Verdammt Sarah, sag mir sofort was zum Kuckuck du genommen hast?“, brüllte ich sie an. Einen Atemzug lang schien es als würde sie meine Frage ignorieren, doch dann. „Degenhof, Degenhof hat mir…“, erwiderte sie stockend. Angst kroch hoch. Es war erschreckend, beängstigend zu sehen wie wirr, wie desorientiert sie war. „Ich wollte es nicht aber Degenhof…“ Kurz lag Dunkelheit wie ein drohender Schatten auf ihrem Gesicht. Noch während wir uns drehten, ließ sie mich los. Berührte flüchtig mein Gesicht. Küsste mich und ehe ich wusste wie mir geschah, verließ sie den Club. Ich stand einfach nur da. Es dauerte, bis Bewegung in mich kam und ich hinter ihr her hetzte. Ich ließ alles liegen. Meine Tasche, ihre Jacke. Rannte durchs Lokal, hinaus auf die Straße. Sarah benahm sich wie eine Irre. „Bleib stehen Sarah! Warte doch auf mich!“, brüllte ich hinter ihr her. Doch sie rannte, hetzte weiter. Ich war in Topform. Eine ausgezeichnete Läuferin. Trotzdem holte ich sie erst ein, als wir den Kiesweg des Stadtparks erreichten. Ganz am Anfang, gleich auf der ersten der alten Bänke kauerte sie nun. Zusammengesunken, fast leblos. „Sarah?“ Ausgepumpt, außer Atem ließ ich mich neben ihr auf die Bank fallen. „Sarah verdammt! Was ist bloß los mit dir? Sag etwas!“ Sie atmete beängstigend flach und ihr Körper bebte. Der Glanz aus ihren Augen war verschwunden. Sie wirkten nun leer. „Degenhof hat mir etwas gespritzt! Ich weiß nicht was. Er hat mich festgehalten! Er hat…“ Sie weinte, griff bebend nach meiner Hand. „Ich wollte das nicht! Ehrlich Cathy, das musst du mir glauben. Ich würde niemals freiwillig Drogen…“ Der klare wache Ausdruck verschwand aus ihren Augen, trübte sich ein. Sie wirkte orientierungslos. Plötzlich, ohne Vorwarnung, wurde ihr Körper wie von einem Fieberkrampf geschüttelt. Die Muskeln zuckten und sie stieß bizarre Laute aus. Tobte von einer Sekunde auf die andere. Sie schrie, weinte und schlug um sich. Es dauerte, ehe mein Verstand zu begreifen begann. Die Wahrheit, das ganze Ausmaß. Was immer Degenhof ihr auch spritzte, es war dabei sie zu töten. Ich spürte, wie Adrenalin förmlich meinen Körper flutete. Panisch durchwühlte ich jede einzelne Tasche meiner Jacke. Suchte fieberhaft nach dem Handy, um fluchend zu begreifen, dass es im Club lag. „Verdammt! Was nun?“ Zum Glück erinnerte ich mich an die Telefonzelle am Ende des Parks. Dieses Ding, aus uralter Vorzeit, das man noch nicht demontierte. Doch ich konnte Sarah unmöglich hier zurücklassen. Sie musste mit. Deshalb hievte ich sie hoch. Sarah wog gerade mal 50kg, und doch war ihr zierlicher Körper schwer, wie der von einem 100kg Mann. Aber es musste gehen, irgendwie. Ich fühlte, ihr Leben hing an einem dünnen Faden. Sarah wehrte sich. Weinte, schrie, trat nach mir. Doch unbeirrt schleppte ich sie weiter, immer weiter. Allmählich wurde sie ruhiger, geradezu apathisch. Es ließ mich begreifen, dass die Zeit knapp wurde. „Sarah, halt durch Sarah!“, keuchte ich. „Cathy?“ Ihre Stimme klang fremd, wie aus einer andern Welt. „Ja, Sarah?“ „Du bist mir doch nicht böse?“, stammelte sie. „Nein Sarah, ich bin dir bestimmt nicht böse. Halt einfach nur durch.“ Jetzt weinte ich. Die Anstrengung, diese elende Angst trieben mich an meine Grenzen. Sarah würgte, übergab sich, kotzte uns voll. Es dauerte endlos, bis die alte Telefonzelle in greifbarer Nähe war. Wir hatten es geschafft! Am Ende meiner Kräfte lehnte ich sie an einen dieser alten Bäume. Rannte zum Telefon und wählte zitternd den Notruf. „Kommen sie bitte schnell! In die Friedrich Heinrichallee zur alten Telefonzelle im Park es geht...“ „Caaaaathy….“ Ich ließ den Hörer fallen, als ich sie schreien hörte. Bewegungsunfähig sah ich zu, wie sie den Stamm entlang rutschte, zur Seite kippte, und kraftlos in den Kiesel fiel. Wie ein Blatt im Wind, unfähig den Fall zu verhindern. Ihre rotgeweinten Augen sprangen förmlich aus ihrem todblassen Gesicht. „Saaaaaaaaaaarah!“ Da war soviel Bitterkeit und Verzweiflung in mir. Ich konnte nicht verstehen, nicht begreifen, was hier gerade passierte. Mit wenigen Schritten war ich bei ihr, kniete nun neben ihr am Kiesel. Schloss die Augen, presste mein Gesicht fest an ihres. „Sarah, bitte, bitte stirb nicht!“ Ich flehte, bettelte, weinte haltlos. „Sarah bitte lass mich nicht im Stich! Sarah….“ Ihre Augen starr, ohne Leben. Und da erkannte ich die Wahrheit. Sarah war tot, einfach tot! Aus! Es war vorbei! Wie gelähmt kauerte ich neben ihr. Meine Hände umschlossen krampfhaft ihren Körper. Ich hielt sie fest, wog sie in meinen Armen, wie ein Kind. Erst die Sirene des Notarztwagens, holte mich aus dieser Lethargie. Ich küsste sie ein allerletztes Mal. Ließ sie unendlich sanft aus meinen Händen gleiten. Brauchte all meine Kraft um aufzustehen, wegzugehen, sie liegen zu lassen. Mein Herz schrie und weinte, aber mein Verstand befahl mir: „Geh!“ Ja, ich musste gehen. Weg! Sarah, meine beste Freundin hier zurücklassen. Ich wusste, man würde mir Frage stellen. Fragen die ich nicht beantworten konnte, ohne Jonas und seine verdammte Kokainsucht zu verraten.

Einsamkeit, Gespenst in dunklen Ecken. Leere, die alles zerfrisst. Man füllt sie. Mit Alkohol und letztendlich wohl auch mit Drogen. Nur eine Frage der Zeit, bis alles wie ein Kartenhaus zusammenstürzt. Vorprogrammiert dieses bittere, sinnlose Ende.

Meine Füße begannen zu laufen. Ich flüchtete, vor dem was hier geschah, vor Sarahs Tod. Und trotzdem kam mir in dieser elenden Situation dieser Satz in den Sinn: „Bis ans Ende der Zeit!“ Eine einzelne Zeile aus einem Lied. Sarah fand sie so großartig, dass wir uns Freundschaft schworen – bis ans Ende der Zeit.

Für Sarah ging die Zeit hier und heute zu Ende.

Noch immer war ich in Bewegung, rannte. Ziellos. Begann irgendwann zu schreien. Schrie, als könnte ich damit etwas ändern, ungeschehen machen. Unheimlich hallte meine Stimme durch den verlassenen Park. Angst, ich fühlte Angst. Vor all dem, das jetzt aus mir heraus brach, wie aus einem Vulkan. Diese bodenlose Verzweiflung, diese Trauer, aber auch diese Wut. Ich ließ mich einfach fallen. Meine Hände schlugen wie verrückt auf den Kiesel. Vergruben sich tief in die nassfeuchte Erde darunter. Da waren diese Bilder. Sie liefen durch meinen Kopf, wie ein Endlosband. Noch immer sah ich Sarah fallen, im Zeitlupentempo den Stamm entlang. Und dann schlug sie auf. Kantig und scharf grub sich der weiße Kiesel in die Haut. Riss sie auf, färbte sie blutrot. Die Augen weit aufgerissen, ihre Hand zur Faust geballt. Ihr gellender Schrei hallte wie ein Echo in mir fort. Jede Linie der mir so vertrauten Züge, jede einzelne ihrer letzten Minuten brannte sich in mein Gedächtnis. Auch der letzte, tiefe Seufzer, ehe da nichts mehr war und ihr Gesicht leer und ausdruckslos wurde. Noch ein Mal fühlte ich dumpfe Panik und dieses Unvermögen zu verstehen. Fühlte meine warmen Lippen auf den ihren. Sah ihre langes, braunes Haar, das tief in ihr Gesicht fiel, wie ein Rahmen um ein Bild. Wieder und wieder durchlebte ich diese furchtbaren Augenblicke, bis ich mit erschreckender Deutlichkeit ihren Tod begriff. Mein Gehirn schaltete sich ab, unfähig einen klaren Gedanken zu fassen.

Game over!

Es wird wohl immer ein Rätsel bleiben, wie lange ich in diesem Zustand völliger Handlungsunfähigkeit am Boden kauerte, und auf den Kiesel einschlug. Immer und immer wieder. So als wäre er Schuld an ihrem Tod.

Es erscheinen noch:

Cathy Jefferson – Lucie (Frühjahr 2018)

Cathy Jefferson – Erinnerungen (Sommer 2018)

Cathy Jefferson – Blickwinkel (Herbst 2018)

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